Das Studiokino in historischen Zusammenhängen

Das Studiokino am Moritzplatz ist ein traditionsreiches Programmkino dessen Ursprünge auf ein Gesellschaftshaus aus der Zeit um 1825 zurückgehen.

Anfang des 19. Jahrhunderts zählt Neustadt zu den angesehensten und wirtschaftlich stärksten Landstädten des Herzogtums Magdeburg. Hier sind um 1810 unter anderem ein Apotheker, zwei Wundärzte, vierzehn Bauern, 17 Branntweinbrenner, sechs Bäcker, sechs Fleischer, vier Schmiede, fünf Stellmacher, drei Kaufleute und mehrere Krämer, ein Seidenstrumpffabrikant, sieben Tuchfabrikanten, sieben Zichorienfabriken, acht Windmühlen, eine Öl- und Graupenmühle, eine holländische Mühle und 60 Landwirte ansässig. Durch die Niederlage Preußens im Feldzug 1806 – 1807 gegen die napoleonischen Truppen wird das Gebiet 1812 jedoch an den französischen Kaiser Napoleon I. abgetreten. Um eine gute Ausgangsposition für seinen Russlandfeldzug zu schaffen, verfügt er, große Teile der Neustadt abzureißen.

Das Vorschussfeld (heute Sudenburg und Neustadt) Magdeburgs – der größten Festungsstadt Deutschlands – wurde innerhalb weniger Tage dem Erdboden gleich gemacht. Als Ausgleichsmaßnahme ließ die napoleonisch-westphälische Verwaltung – inmitten von Feldern an der Straße nach Barleben – die Neue Neustadt, auch Hieronymusstadt nach einem jüngeren Bruder Napoleons benannt, errichten. Sie wurde von Napoleon als moderne Planstadt mit einem regelhaft angelegten Grundriss entworfen. Ein rechteckiges Straßensystem mit zwei Plätzen war das Herzstück. In seinem Mittelpunkt entstand der Große Marktplatz, heute Nicolaiplatz, an dessen verlängerter Achse der Kleine Marktplatz, heute Moritzplatz, anschloss. Durch die Ansiedlung von Industriebetrieben, in erster Linie für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, entstand ein enormer Bevölkerungszuwachs. Bis in 1820 war die Einwohnerzahl von ursprünglich 817 auf fast 4.000 angestiegen. Die Neue Neustadt wurde in kürzester Zeit zu einer imposanten Stadt vor einer Großstadt.

Ab 1800 erfuhr die Gesellschaft einen Wandel von der ständischen zur bürgerlichen. Das Bürgertum wollte Wissen erwerben, die Sitten verfeinern und so die Ideale der Aufklärung umsetzen. In vielen deutschen Städten entstanden Vereine zum Zweck, »die geselligen, nicht gegen gesetzliche Vorschriften und Sittlichkeit anstoßenden Vergnügungen zu genießen«. Die ersten Gesellschaftshäuser wurden gebaut. Dort fanden Vorlesungen, Vorträge, »Theatralische Unterhaltungen« und vieles mehr statt. In den Archiven der Stadt Magdeburg ist der genaue Zeitpunkt der Entstehung des Gebäudekomplexes Moritzplatz 1a/Abendstraße 6 nicht dokumentiert. Jedoch liegt anhand noch ablesbarer Spuren sowie durch die Gesamtchronik zur Neuen Neustadt die Vermutung nahe, dass dieses Haus um 1820/1825 als erstes Gesellschaftshaus der Stadt Magdeburg errichtet wurde. Die Namensgebung »Marktschlösschen« ist wahrscheinlich zurückzuführen auf den schlossähnlichen Bau am Kleinen Marktplatz.

Der vorhandene, große Saal, die umlaufende Arkadengalerie sowie das großzügige, prunkvolle Ambiente passen in die gesellschaftliche Wandlung der damaligen Zeit. Die Planer und Erbauer der Neuen Neustadt nutzten die Chance, dieser modernen, dem Zeitgeist entsprechenden neuen Ansiedlung mit der Errichtung eines kleinen, aber feinen Gesellschaftshauses städtisches Lebensgefühl einzuhauchen. Das L-förmige, 2-geschossige Nebengebäude in der Abendstraße wurde nur wenige Jahre später (vermutlich um 1830) angefügt und ergänzend mit den Gesellschaftssälen genutzt. In den wenigen vorhandenen Aufzeichnungen des Stadtarchives wird 1857 an dieser Stelle eine Gasthalterei (= Pension) erwähnt. An einer Hauptverkehrsader und Nahe der Stadt Magdeburg gelegen, bildete dieses Gebäude einen wichtigen Stützpunkt für Fuhrleute, die, von weit her kommend, Speis, Trank und Herberge fanden. Der nachweisliche Anbau von Pferdeställen im Jahre 1879 zeugt von einer zumindest konstanten Resonanz bei den Fuhrgeschäften.

Kurz vor der Vereinigung der Städte Magdeburg und Neustadt im Jahre 1885 eröffnete die Firma Bodenstein (damals Inhaber einer der bedeutendsten Brauereien der Umgebung, später Diamant-Brauerei) in diesen Gebäuden ihre Festsäle. Die Räumlichkeiten wurden für Unterhaltungen vielfältig genutzt – beispielsweise auch als Austragungsstätte von Ringkämpfen – und stellte somit den gesellschaftlichen Mittelpunkt der Neuen Neustadt dar. Der Trend, Mitte der 20er Jahre Theater und Varietés in Kinohäuser umzugestalten, machte auch vor dem Marktschlösschen nicht halt. Nach ersten kinematografischen Vorstellungen im Jahr 1925 wurde das »Marktschlösschen« auf Grund von Baumängeln durch den Stadtausschuss geschlossen. Ein Jahr später eröffnete das auf die damals neueste Technik umgebaute Kino mit 327 Sitzplätzen. Danach wechselte das Kino in stets kurzen Abständen seinen Besitzer, wurde verändert, erweitert, Gastronomie wurde angeschlossen. Sogar eine Kaffeerösterei und ein Verkaufsladen fanden kurzzeitig im Nebengebäude Einzug. Doch im Zuge der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 mussten Provisorien her, um die wachsende Bevölkerung in den Städten unterzubringen. So wurden in beiden Gebäuden 1933 kleinteilige Wohnungen eingebaut und die Kegelbahn abgerissen. Vergnügungen bildeten nur noch einen untergeordneten Stellenwert.

Magdeburg besaß vor dem Zweiten Weltkrieg 33 Kinos. Nach der Zerstörung der Stadt gründete sich im Jahre 1949 die Bezirksfilmdirektion (BFD) und übernahm die verbliebenen Kinos. 16 Lichtspieltheater wurden wieder aufgebaut und in Betrieb genommen. Mitte der 60er Jahre kamen auf Beschluss des Ministerrates in der gesamten DDR Kinos mit »Klubcharakter« auf. Die Studiofilmtheater, mit einem Minimum an Veranstaltungstechnik ausgerüstet, waren fortan Orte zur Propagierung anspruchsvoller Streifen. Das behaglich ausgestattete Studiokino am Moritzplatz, in dem 64 Gäste Platz fanden, die auch gastronomisch betreut wurden, öffnet am 04.11.1976 seine Pforten. Mit seinem intimen Rahmen sollten vielfältige Interessen an unterschiedlichen Filmgenres geweckt werden. Es fanden Gesprächsrunden statt, Regisseure wurden eingeladen, Hobbyfilmer konnten ihre Werke im Rahmen des Amateurfilmzirkels am »Tag des Amateurfilmers« der Öffentlichkeit vorstellen. Auch ausländische Armeeangehörige und Gastarbeiter (Sowjetbürger, Polen, Vietnamesen, Algerier usw.) können sich Filme in ihrer Muttersprache ansehen. So wurde der Kinosaal auch zu einem festen Bestandteil des DDR-typischen Geselligkeitslebens.

Nach der Privatisierung 1991 an die Ufa Theater AG drohte wenige Jahre später die Schließung durch den Rückzug der Ufa. Eine private Initiative übernahm 1997 das Studiokino und sicherte so ein Stück Kinogeschichte über die Grenzen der Magdeburger Neustadt hinaus. Heute zeigt das jährlich mit Preisen des BKM und der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) für ein hervorragendes Jahresprogramm ausgezeichnete Filmtheater anspruchvolles Kino jenseits des Mainstreams. Anfang 2020 begann mit Hilfe der Stadt Magdeburg und des Landes Sachsen-Anhalt die dringend nötige Instandsetzung und Sanierung des historischen Bauköpers. Ein neues Raumkonzept (Kino, Klub, Bühne, Garten) schafft zukünftig Platz für innovative Veranstaltungsformen (Ausstellungen, Symposien, Reihen, Festivals, Werkstattgesprächen, Live-Auftritte u.a.m.).